Archiv

2015

 

Auf dem Gelände der ehemaligen LIAS-Ölschieferforschungsgesellschaft in Frommern

Sonntag, 28. Juni 2015

 

Die Besichtigungstour mit etwa 40 Teilnehmern führte von den Gedenkstelen am Schiefersee zum ehemaligen Gelände der LIAS-Ölschieferforschungsgesellschaft. Neben den verschiedenen Gebäuden der LIAS, heute sind noch die durch ihre Größe beeindruckende Schwelhalle, das Kessellager und ein Luftschutzbunker, befand sich auf dem Gelände in den Jahren 1944 und 1945 auch ein KZ-Außenlager. Die Ölschieferschwelanlage wurde nach Kriegsende unter Leitung der Franzosen fertiggestellt. Zwischen 1947 und 1949 wurde in Frommern Schieferöl produziert.

Teilnehmer der Exkursion. Im Hintergrund die ehemalige Schwelhalle (Foto: J. Fiedler, Schwarzwälder Bote)
Teilnehmer der Exkursion. Im Hintergrund die ehemalige Schwelhalle (Foto: J. Fiedler, Schwarzwälder Bote)


2016


 Besuch der Erzinger Gedenkstele

 

Bernhard Hemmer, geboren am 24.10.1907 in Tubbergen, von Beruf Landwirt in Geesteren (Niederlande), wurde am 22.2.1942 nach einer Denunziation verhaftet, weil er abgestürzte amerikanischen und britischen Fliegern oder Fallschirmspringern geholfen und bei Verwandten versteckt hatte. Als politischer Häftling zunächst in holländischen Gefängnissen eingesperrt, kam er erst in das KZ Neugamme, später in das KZ Natzweiler. Hemmer gehörte zu den 200 Männern des ersten Transportes in das Natzweiler-Außenkommando Erzingen vom 22. Juni 1944. Nach Auflösung des Lagers Erzingen kam er nach Allach und wurde dort am 30.4.1945 von Amerikanern befreit.

(Der Text stammt aus: Immo Opfermann: Porträts und Glückwunschkarten im KZ Erzingen. Gäufelden 2012)

Die Kinder von Bernhard Hemmer vor den Gedenkstelen in der Erlenstraße in Erzingen. Von links: Anni, Gerhard, Ida und Ben Hemmer (Foto: Immo Opfermann).
Die Kinder von Bernhard Hemmer vor den Gedenkstelen in der Erlenstraße in Erzingen. Von links: Anni, Gerhard, Ida und Ben Hemmer (Foto: Immo Opfermann).

Vortrag von Dr. Michael Walther: Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg im Raum Balingen

Mittwoch, 19. Oktober.2016, 20.00 Uhr, Landratsamt Zollernalbkreis

 

Im Zentrum des Vortrags ging es um die Geschichte einer sich radikalisierenden Gesellschaft und die Gewöhnung an Rassismus und arbeitsökonomische Ausbeutung von Fremdarbeitern. Wobei Kriegsgefangene nicht nur in vielen Balinger Unternehmen wie auch bei der Kommunen beschäftigt waren. Sie mussten auch in Werken des Unternehmens „Wüste“ Sklavenarbeit leisten - in Erzingen russische Kriegsgefangene, in Engstlatt sogenannte Italienische Militärinternierte.

Französische Kriegsgefangene bei der Firma Beutter (Foto: Stadtarchiv Balingen)
Französische Kriegsgefangene bei der Firma Beutter (Foto: Stadtarchiv Balingen)


2017

 

Der Arbeitskreis trauert um

Dr. Hans Schimpf-Reinhardt

 

Dr. Hans Schimpf-Reinhardt, der Mittelpunkt und Motor des "Wüste"-Arbeitskreises ist tot. Diese traurige Nachricht mussten wir Mitglieder erschüttert zur Kenntnis nehmen. Am 16. Februar noch hatten wir uns zusammengefunden, um der Presse mitzuteilen, dass die Internetseite des Arbeitskreises fertig und abrufbar ist. Fotos wurden gemacht. Als Stadtarchivar der Stadt Balingen hatte Dr. Hans Schimpf-Reinhardt den offenen Arbeitskreis im Auftrag der Stadt 2009 ins Leben gerufen. Die ersten Zusammenkünfte fanden an den Orten der Relikte ehemaliger "Wüste"-Werke auf dem Gebiet der heutigen Stadt Balingen in Engstlatt, Erzingen und Frommern, später in städtischen Gebäuden statt. Besonders intensiv war die Beschäftigung mit der Häftlingsfigur, die - so stellte es sich Hans Schimpf-Reinhardt vor - auf einfachste Weise einen Menschen im Konzentrationslager darstellen und neben den Informationstafeln Wind und Wetter standhalten sollte. Deshalb musste die Figur aus Beton sein, die mittels bestimmter Streifen an die Häftlingskleidung erinnern würde. Hans fand eine Firma, die Betonieren und künstlerisch gestalten konnte. Die Häftlingsfigur und die Stelen wurden, von ihm organisiert, am 22. Juni 2014 in Frommern und am 3. Mai 2015 in Erzingen und Engstlatt der Öffentlichkeit übergeben. Im Sommer 2015 kam die Natzweiler-Wanderausstellung "Freiheit - so nah, so fern. Das  doppelte Ende des Konzentrationslagers Natzweiler" auch nach Balingen. Im Arbeitskreis waren wir  uns einig darüber, dass für die letzten Monate des Krieges unbedingt auch das Unternehmen "Wüste" dargestellt werden müsste, dass die Ausstellung einiger Balinger Zusätze bedürfe. Dieser besondere Teil wurde von Hans Schimpf-Reinhardt mit einer Häftlingsfigur auf einem Schieferfeld, Kanistern und anderen Behältern für Öl sinnfällig gemacht. Ein Text an einer Tür kritisierte den Opportunismus ehemaliger Parteimitglieder, weshalb Hans eine des Sütterlins noch mächtige Frau ausfindig machte, die ein Stück Papier aus dem Jahre 1945 beschrieb, das danach mit einer extra eingerosteten Heftzwecke an einer alten Tür befestigt wurde: das verwendete Material sollte die dargestellte Zeit verdeutlichen. Das sind keine Petitessen, sondern dieses Wichtignehmen auch von scheinbaren Geringfügigkeiten diente dem Anspruch Hans Schimpf-Reinhardts als Historiker und übertrug sich auf uns Mitglieder des Arbeitskreises, die von ihm mitgerissen und beflügelt wurden.

 Der Tod von Hans Schimpf-Reinhardt, unserem Freund und Spiritus rector, ist ein schlimmer Verlust. Ohne ihn, den Mentor, versuchen wir im Arbeitskreis "Wüste" dennoch weiterzuarbeiten.

Balingen, am 24. Februar 2017

 Immo Opfermann

 

 

Dr. Hans Schimpf-Reinhardt (Foto: Schwarzwälder Bote)
Dr. Hans Schimpf-Reinhardt (Foto: Schwarzwälder Bote)

Fahrrad-Exkursion: Auf den Spuren des Unternehmens „Wüste“ in Frommern und Erzingen

Sonntag, 2. Juli 2017

 

Die Exkursion begann bei den Gedenkstelen am Schiefersee in Frommern. Anschließend ging es zu den in nächster Nähe befindlichen Bauten der ehemaligen LIAS -Ölschieferforschungsgesellschaft. Die ehemalige Schwelhalle und das Kesselhaus sind die eindrücklichsten baulichen Überreste der Schieferölgewinnung durch die Nationalsozialisten. Die nächste Station war die Erlenstraße in Erzingen, wo sich in unmittelbarer Nachbarschaft des dortigen Stelenpaars eines von sieben KZ-Außenlagern des Unternehmens „Wüste“ befunden hat. Die Tour endete auf dem Geischberg, zum letzten noch erhaltenen Schiefermeiler des Unternehmens „Wüste“, nur wenige Meter von einem weiteren durch den Arbeitskreis im Jahr 2015 errichtete Stelenpaar. 

 

 

Vor dem Stelenpaar in der Seestraße in Frommern (Foto: Hans Schöller)
Vor dem Stelenpaar in der Seestraße in Frommern (Foto: Hans Schöller)

Tagung des Gedenkstättenverbundes "Erinnerung seit 1945 - Zukunft des Erinnerns"

Samstag, 14. Oktober 2017, Gäufelden-Tailfingen, Bürgerhalle

 

Vor 120 Historikern und Pädagogen, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der KZ-Gedenkstätten, Studierenden und interessierten Bürgern sowie Vertretern aus Politik, Kirchen und Verbänden beleuchteten acht Referenten die Genese der KZ-Gedenkstatten aus unterschiedlichen Perspektiven. Zwei Mitglieder des AK „Wüste“ Balingen beteiligten sich mit Vorträgen an der Tagung: Immo Opfermann („Gedenkpfad beim SchieferErlebnis Dormettingen“) und Dr. Michael Walther („Vergessene Geschichte: Gleichgültigkeit und Verdrängen – Die KZ-Außenlager in Erzingen und Frommern und der Arbeitskreis „Wüste“ Balingen“). Am Nachmittag loteten die Teilnehmer in Workshops und im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Zukunftsperspektiven der Erinnerungsarbeit aus.

 

 

Heimlich gefertigte Karte eines belgischen Häftlings, November 1944, mit Ansicht des KZ-Außenlagers Erzingen (Foto: Stadtarchiv Balingen)
Heimlich gefertigte Karte eines belgischen Häftlings, November 1944, mit Ansicht des KZ-Außenlagers Erzingen (Foto: Stadtarchiv Balingen)

Familie de Gunsch beim Erzinger Stelenpaar

17. und 18. Oktober

 

Die Söhne Cyrille und und Richard de Gusch besuchten den Ort, an dem ihr Vater Louis de Gunsch (1912-1979), ein belgischer Widerstandskämpfer, vom Juli 1944 bis April 1945 eingesperrt war.  Gedichte des von  Léon Boutbien, die im September 1944 in Erzingen entstanden waren, dienten als Bezugspunkt zur Erinnerung an den heute nicht mehr sichtbaren Ort des KZ Erzingen. Der Besuch endete mit einer kurzen Besichtigung der Gebäude der LIAS-Ölschieferforschungsgesellschaft in Frommern.

 

 

Die Brüder de Gunsch mit Immo Opfermann (Mitte)
Die Brüder de Gunsch mit Immo Opfermann (Mitte)

Vortrag von Dr. Michael Walther: Unternehmen „Wüste“: Das Netzwerk der Täter

Donnerstag, 30. November 2017, 18.00 Uhr, Landratsamt Zollernalbkreis

 

Dem Unternehmen "Wüste" wurde bisher ein "NS-typisches Kompetenzchaos" unterstellt, geprägt durch Macht- und Profilierungskämpfe innerhalb einer unübersichtlichen Gemengelage von staatlichen und halbstaatlichen Institutionen sowie privaten Unternehmen. Tatsächlich waren die Akteure Teil eines komplexen aber gut funktionierenden Netzwerks. Und: das Unternehmen "Wüste", das u.a. das Frommerner LIAS-Werk und das Dotternhausener Portlandzementwerk mit einschloss, wurde von nur zwei Institutionen gesteuert - dem Rüstungsministerium Albert Speers und der SS Heinrich Himmlers. Ein weiterer Aspekt, der im Vortrag beleuchtet wurde, war die personelle Verflechtung zentraler Akteure des Unternehmens "Wüste" mit zwei der größten deutschen Rüstungskonzerne, der IG Farben und der Reichswerke AG "Hermann Göring". Der Vortrag ging auf die Verflechtungen der handelnden Personen auf der Reichs- aber auch auf der regionalen Ebene ein.

 

 

 

 

 

Freiherr Hans-Joachim von Kruedener (Foto: Kreisarchiv Zollernalbkreis)
Freiherr Hans-Joachim von Kruedener (Foto: Kreisarchiv Zollernalbkreis)

Ausstellung "75 Jahre Schlichemtalsperre in Schömberg" in der Schömberger Zehntscheuer, Marktplatz 13, 72355 Schömberg (vom 26. November 2017 – 7. Januar 2018)

und im Foyer des Regierungspräsidiums Tübingen, Konrad-Adenauer-Str. 20, 72072 Tübingen (vom 5. - 14. November 2018)

 

Konzipiert wurde die Ausstellung vom Historiker und "Wüste"-Experten Immo Opfermann. Finanzielle Unterstützung kam von der Firma Holcim. Schon in den 1930er-Jahren gab es erste Überlegungen zum Bau einer Talsperre, mit deren Bau schließlich im Jahr 1940 begonnen wurde. Zweck der Anlage war die Gewinnung von Brauch- und Kühlwasser sowie die Stromerzeugung für das Dotternhausener Portlandzementwerk und die dortige Schieferölproduktion. Weiterführende Planungen sahen vor, mit der Anlage einige der Ölschieferwerke zu versorgen, mit deren Bau in den Jahren 1944/45 im Rahmen des sog. Unternehmen "Wüste" u.a. bei Schörzingen, Schömberg, Dautmergen, Dormettingen und Erzingen begonnen wurde. Die Talsperre, mit einer Dammhöhe von 21 Metern wurde schließlich im Jahr 1944 fertig gestellt. Für ihre Errichtung wurden u.a. Kriegsgefangene und wahrscheinlich auch zivile Zwangsarbeiter eingesetzt.

 

Der Schömberger Bürgermeister Karl Josef Sprenger mit Immo Opfermann (Foto: Stadt Schömberg)
Der Schömberger Bürgermeister Karl Josef Sprenger mit Immo Opfermann (Foto: Stadt Schömberg)

2018

 


Vortrag von Dr. Michael Walther: „Geschichte nicht nur vom Ende her denken.“ Hindenburg, Aussetzung der Bürgerrechte im Nationalsozialismus und die Vertreibung der

Balinger Juden

Sonntag, 4. März 2018, 15.30 Uhr, Landratsamt Zollernalbkreis

 

 

Paul von Hindenburg (1847 – 1934) war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte des 20. Jh. So war der als Weltkriegsgeneral verehrte „Sieger von Tannenberg“, auch am Sturz der Monarchie im November 1918 beteiligt. Seit 1925 Reichspräsident, hatte Hindenburg einen entscheidenden Anteil an der Transformation der demokratisch verfassten Weimarer Republik in die nationalsozialistische Diktatur. Entgegen einer immer noch weit verbreiteten aber veralteten (Lehr-)Meinung,  gab es weder eine sog. „Hindenburg-Kamarilla“ noch war der Reichspräsident „altersschwach“. Hindenburgs „Übertragung“ der Regierungsgewalt an eine Koalition der „nationalen Kräfte“ unter Reichskanzler Adolf Hitler war vielmehr den inhaltlichen Gemeinsamkeiten von Hindenburg und Hitler in zentralen Fragen der deutschen Politik geschuldet. Im April 1933, noch unter der Präsidentschaft Hindenburgs, wurde das erste gegen Juden gerichtete Ausnahmegesetz („Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“) erlassen. Die gesellschaftliche Ausgrenzung und der allmähliche Verlust der Bürgerrechte hat auch Balinger Bürger betroffen, die Familie Schatzki und den Arzt Dr. Alexander Bloch.

 

 

Dr. Alexander Bloch um 1940 (Foto: Stadtarchiv Balingen)
Dr. Alexander Bloch um 1940 (Foto: Stadtarchiv Balingen)

Begehung der ehemaligen Areale der „Wüste“-Werke 4 und 5 (Erzingen) und des Geländes des ehemaligen LIAS-Werks in Frommern mit Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege

Freitag, 18. Mai 2018

 

Im Jahr 2018 startete das Landesamt für Denkmalpflege ein vierjähriges Projekt zur Erfassung noch vorhandener Relikte an 35 Außenlager-Standorten des ehemaligen KZ-Hauptlagers Natzweiler-Struthof im Elsass. Mit der „zeitgeschichtlichen Archäologie“ hat sich ein neuer Ableger der archäologischen Wissenschaften etabliert, der die ehemaligen Lagerstandorte und ihre baulichen Überreste als historische Quellen begreift. Diese noch vorhandenen Relikte des NS-zeitlichen Lagersystems werden nun systematisch und unter denkmalfachlichen Gesichtspunkten erfasst. Die beiden Projektverantwortlichen, Herr Dr. Christian Bollacher und Frau Dr. Barbara Hausmair besuchten zusammen mit Dr. Karl Kleinbach vom Arbeitskreis das Gelände des ehemaligen „Wüste“-Werk 3 bei Engstlatt und anschließend, am 18. Mai, das Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers in Erzingen und der beiden „Wüste“-Werke 4 und 5 sowie der ehemaligen LIAS-Ölschieferforschungsanlage in Frommern.

 

 

Frau Dr. Hausmair u. Herr Dr. Bollacher vom Landesdenmalamt mit Immo Opfermann u. Günther Ernst (Foto. Lydia Wania-Dreher, Zollern-Alb-Kurier)
Frau Dr. Hausmair u. Herr Dr. Bollacher vom Landesdenmalamt mit Immo Opfermann u. Günther Ernst (Foto. Lydia Wania-Dreher, Zollern-Alb-Kurier)

Waldorfschüler erkunden in Frommern Spuren des Dritten Reiches

19. und 20. Juni 2018

 

„Die Wüste war in Frommern“. Auf den Spuren dieses 30-minütigen Dokumentarfilms, den Hans Georg Zimmermann 2002 über die Ölgewinnung aus Schiefer und die Konzentrationslager am Fuße der Schwäbischen Alb gedreht hat, erkundeten 30 Neuntklässler der Freien Waldorfschule Balingen das Gelände um den Schiefersee und die ehemalige Schwelhalle. Unter Anleitung ihres Geschichtslehrers Holger Grebe und dreier Mitgliedern des Arbeitskreises „Wüste“ Balingen (Hans Georg Zimmermann, Dr. Karl Kleinbach und Dr. Michael Walther) und unter Zuhilfenahme von Materialien wie Luftaufnahmen oder Auszügen aus Gerichtsakten der Nachkriegsprozesse halfen dabei, sich das schwer Vorstellbare zu vergegenwärtigen.

 

 

Vor der Schwelhalle (Foto: Hans Georg Zimmermann)
Vor der Schwelhalle (Foto: Hans Georg Zimmermann)

Fahrradtour mit Dr. Karl Kleinbach und Dr. Michael Walther: Auf den Spuren des Unternehmens „Wüste“ in Engstlatt und Bisingen

Sonntag, 8. Juli 2018

 

Zunächst erläuterte Dr. Kleinbach anhand von Bodenfunden, die er im Laufe der letzten Jahre im Ried, dem Gelände des ehemaligen „Wüste“-Werk 3, gefunden hatte, seine (kultur-) wissenschaftliche Herangehensweise an das Unternehmen „Wüste“. Im Ried, wo die flächenmäßigen Dimensionen eines „Wüste“-Werks aufgrund der weitfluchtenden landschaftlichen Situation besonders greifbar ist, scheint das Gebäude einer ehemaligen Transformatorenstation das einzige Überbleibsel des Unternehmens „Wüste“ auf Engstlatter Gemarkung zu sein. Tatsächlich ist noch wesentlich mehr zu sehen, wie neben den Bodenfunden auch Veränderungen in der ursprünglichen Landschaftformation beweisen. Im Bisinger Museum, dem Sitz des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen erfuhren die Teilnehmer mehr über die Geschichte des dortigen KZ-Außenlagers und „Wüste“-Werks und besuchten abschließend ausgewählte Orte und Überreste des ehemaligen Ölschiefergeländes.

Beim Trafohaus im Ried bei Engstlatt (Foto: Hans Schöller)
Beim Trafohaus im Ried bei Engstlatt (Foto: Hans Schöller)

Vortrag von Dr. Karl Kleinbach: Aufgeworfen und untergepflügt: Erkundungen im Geländegedächtnis.

Donnerstag, 11. Oktober, 19.00 Uhr,  Zehntscheuer Balingen, Neue Str. 59. 

 

In Engstlatt wurde im Ried im Sommer 1944 mit dem Bau des „Wüste“‐Werks 3 begonnen. Das Schieferölwerk erstreckte sich auf einer Fläche von 19 Hektar. Das Schiefergestein sollte im Tagebau erschlossen werden um daraus im Schwelverfahren Öl zu gewinnen. Für den Aufbau der Industrieanlage wurden Häftlinge des KZ Bisingen eingesetzt. Von dieser Anlage ist heute nur noch ein Backsteinbau sichtbar. Allerdings kommen durch landwirtschaftliche Bearbeitung noch immer zahlreiche Kleinfunde dieser Anlage ans Tageslicht. Seit 2015 sammelt und dokumentiert Karl Kleinbach solche Pflugfunde. Wie lassen sich solche Funde auswerten und interpretieren? Lassen sich darüber neue Einsichten über Ausbeutung, Vernichtung und die Ordnung des Terrors durch das NS-Regime gewinnen? Wie können solche Bodenfunde die Methoden zeitgeschichtlicher Forschung mit Archivdokumenten und Zeitzeugen ergänzen?

Dennis Breisinger, Schwabo
Dennis Breisinger, Schwabo