ENGSTLATT


Wüstewerk 3 – ENgstlatt

Britische Luftaufnahme von Wüstewerk 3 - Engstlatt, 25. Dezember 1944. (National Collection of Aerial Photography, Edinburgh)
Britische Luftaufnahme von Wüstewerk 3 - Engstlatt, 25. Dezember 1944. (National Collection of Aerial Photography, Edinburgh)

Mit dem Bau des Wüste-Werkes 3 in Engstlatt wurde im Spätsommer 1944 begonnen. Hinter der Bahnlinie hier im Ried/Riedhalde wurde, nach Beschlagnahme des Areals, auf einer Fläche von ca. 19 Hektar in kürzester Zeit eine Großbaustelle eingerichtet. Der vordere Teil, zur Bahn hin, war mit Anlagen zur Gewinnung und Aufbereitung des Schieferöls (Meilerfeld, Kondensation) belegt, einschließlich separatem Bahnanschluss. Im hinteren Teil, etwas südöstlich des heutigen Schafhauses, befand sich der Schieferbruch.

 


KZ-Häftlinge in einem Wüstewerk beim Verlegen von Feldbahngleisen, 1944
KZ-Häftlinge in einem Wüstewerk beim Verlegen von Feldbahngleisen, 1944
Öffentliche Bekanntmachung des Engstlatter Bürgermeisters, 1944
Öffentliche Bekanntmachung des Engstlatter Bürgermeisters, 1944

Produktionsstätten und Arbeitslager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter richtete die Organisation Todt (OT) ein. Als Unterkünfte genutzt wurden der Saal der Bahnhofswirtschaft, der Dachraum einer Schuhfabrik, die Baracke einer heute noch bestehenden Textilfabrik und eines der beiden Schulgebäude bei der Kirche . Als weiteres Quartier wurden Baracken im Tal und am Bahnübergang Dehnhalde aufgebaut. Gleichzeitig errichtete das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps auf dem hiesigen Sportplatz eine Fahrzeughalle (515 qm). 

 

Ab Herbst 1944 waren zusätzlich Häftlinge des KZ Bisingen auf der Baustelle im Einsatz. In Kolonnen von 300 bis 400 Mann kamen sie täglich zu Fuß nach Engstlatt oder sie wurden mit der Bahn in offenen Waggons transportiert . Sie mussten schwerste körperliche Arbeit verrichten, unter schlimmsten Bedingungen, bei Kälte, mit unzulänglicher Kleidung und Hunger, unter täglichen Schikanen und Schlägen durch die Wachleute. Zeugen berichten auch von Erschießungen von Häftlingen, die zum Arbeiten zu schwach waren. Privatpersonen war das Betreten des Geländes streng verboten, ebenso die Übergabe von jeglichem Ess- und Trinkbarem.

 

Im Bisinger KZ waren 4150 Gefangene . Davon sind auf den Baustellen in Bisingen, Nehren und Engstlatt 1187 ums Leben gekommen. Vom Ölschieferwerk bis zur Eyach, unweit der Böllatmühle, mussten die Häftlinge eine Wasserleitung graben und verlegen. Allein bei diesen Arbeiten soll es 150 Todesfälle gegeben haben. Als im Oktober 1944 ein mit etwa 1500 Häftlingen beladener Zug auf dem Engstlatter Bahnhof Halt machte, wurden dort 36 Tote aus den Waggons geholt. 

 

Bis zum Einmarsch der Alliierten, am 20. April 1945, floss in Engstlatt kein Tropfen Öl. Die Rekultivierung des Geländes erfolgte 1949/1950. Übrig blieb lediglich ein Backsteinbau, vorgesehen als Transformatorenstation und später von privater Seite landwirtschaftlich genutzt.

Transformatorenstation im Ried
Transformatorenstation im Ried