Erzingen


Wüstewerke 4 und 5 – Erzingen

Zwei Ölschieferwerke des Unternehmens „Wüste" befanden sich in Erzingen: Werk 4 in der Flur Kilchsteige (auf dem Geischberg) und Werk 5 im Bonbachtal. Zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs errichtete die SS-eigene Firma Deutsche Schieferöl GmbH im Mai 1944 auf dem Hungerberg ein Barackenlager für mehr als 2000 russische Kriegsgefangene und gegenüber dem Bahnhof ein kleineres Lager für Häftlinge des KZ Natzweiler-Struthof . Die ersten 200 KZ-Häftlinge trafen im Juni 1944 ein. Erzingen war ein sogenanntes Nacht-und-Nebel-Lager für politische Gefangene aus West- und Nordeuropa. Niemand sollte wissen, ob sie noch leben und wo sie sich befinden. Entsprechend hoch war die Fluktuation der Häftlinge. 993 waren es insgesamt. Sie wurden von SS-Leuten bewacht. Die höchste Belegung hatte das Lager mit 322 Häftlingen. Deren Versorgung und Unterbringung war besser als in den größeren KZ-Lagern, wie etwa Dautmergen, so dass es nur acht bekannte Todesfälle gab.

Britische Luftaufnahme (Montage) von den Wüstewerken 4 und 5 - Erzingen, 25. Dezember 1944. (National Collection of Aerial Photography, Edinburgh)
Britische Luftaufnahme (Montage) von den Wüstewerken 4 und 5 - Erzingen, 25. Dezember 1944. (National Collection of Aerial Photography, Edinburgh)

Schlechter war die Situation im „Russenlager“ auf dem Hungerberg. Einer der 120-150 Wachmänner, ein Wehrmachtssoldat, schrieb: „Die Russen sind in langen Baracken untergebracht, je Baracke 500 Männer. An den Längswänden stehen Brettergestelle ohne Strohsäcke, auf denen die Leute schlafen . ... Es sind arme Kerle , schlecht ernährt und noch schlechter gekleidet. Die Uniformen sind verdreckt und nur noch als Lumpen zu bezeichnen. Die meisten tragen Holzschuhe und haben die Füße mit Sackleinwand umwickelt . ... Die Verpflegung ist miserabel , man wird von der dünnen Suppe nicht richtig satt. “ Die Zahl der toten russischen Kriegsgefangenen ist unbekannt.


Heimlich gefertigte Grußkarte eines belgischen Häftlings, November 1944, mit Lageransicht
Heimlich gefertigte Grußkarte eines belgischen Häftlings, November 1944, mit Lageransicht
Blick vom Eingang des KZ auf den Geischberg. Zeichnung eines ehemaligen belgischen Häftlings, etwa 1965
Blick vom Eingang des KZ auf den Geischberg. Zeichnung eines ehemaligen belgischen Häftlings, etwa 1965
Heimlich gefertigte Glückwunschkarte holländischer KZ-Häftlinge, Oktober 1944, mit Ansicht des KZ-Lagers
Heimlich gefertigte Glückwunschkarte holländischer KZ-Häftlinge, Oktober 1944, mit Ansicht des KZ-Lagers

KZ-Lageplan Erzingen. Rekonstruktion nach Angaben des Zeitzeugen Ernst Göhring (Erzingen) und nach Zeichnungen von KZ-Häftlingen.
KZ-Lageplan Erzingen. Rekonstruktion nach Angaben des Zeitzeugen Ernst Göhring (Erzingen) und nach Zeichnungen von KZ-Häftlingen.

Mit dem Aufbau der Ölschieferwerke wurde Ende Mai 1944 begonnen. Im Juli erfolgte deren Eingliederung in das Unternehmen „Wüste". Wie in allen anderen Wüste-Werken kam auch in Erzingen das Meilerverfahren zur Anwendung. Im Februar 1945 war der etwa 300 Meter lange schmale Meiler hier auf dem Geischberg (Kilchsteige) bereits gezündet. Noch Monate nach Kriegsende schwelte er qualmend vor sich hin. Im Wüste-Werk 4 wurde also noch während des Krieges aus Schiefer Öl gewonnen.

 

Am 14. April 1945 wurden alle 126 Häftlinge des Erzinger KZ mit der Eisenbahn zu einem Außenlager des KZ Dachau im Münchner Stadtteil Allach transportiert. Eine Woche später entfernten sich die Wachen des „Russenlagers" und die Kriegsgefangenen waren frei. Durch deren rasche Versorgung mit Lebensmitteln verhinderte die Erzinger Einwohnerschaft, dass es zu massiven Ausschreitungen kam. 

 


Beim Gang über die Erzinger Gemarkung stoßen wir heute noch auf bauliche Reste des Unternehmens „Wüste". Am beeindruckendsten ist wohl der von Bäumen und Gebüsch bewachsene Schiefermeiler (300 m lang), hier vor Ort. Südwestlich davon, im Wald, finden sich noch ein Generatoren haus und ein Ölbunker, am östlichen Hang des Bonbachtals ein Transformatorengebäude. Auf dem Hungerberg sind im heutigen Gebäudebestand noch Teile des „Russenlagers" enthalten. Vom KZ-Lager beim Bahnhof ist nichts mehr vorhanden.

Blick vom Geischberg auf den Ort. Im Vordergrund die ehemalige KZ-Baracke, etwa 1952
Blick vom Geischberg auf den Ort. Im Vordergrund die ehemalige KZ-Baracke, etwa 1952
Ehemaliger KZ-Häftling (Holland) vor der ehemaligen KZ-Baracke, 1954
Ehemaliger KZ-Häftling (Holland) vor der ehemaligen KZ-Baracke, 1954
Feldbahn-Lokomotive und Dampfbagger (hinten) beim Erzinger Bahnhof, etwa 1950
Feldbahn-Lokomotive und Dampfbagger (hinten) beim Erzinger Bahnhof, etwa 1950
Generatorenhaus auf dem Geischberg
Generatorenhaus auf dem Geischberg